Weihenstephaner Getreidefachtagung – rege Diskussionen zur Ernte
21.08.2009
Über dreißig Teilnehmer aus Saatzucht, Landhandel, Müllerei und Wissenschaft trafen sich am 18. Juni in Weihenstephan zur alljährlichen Getreidefachtagung, sie wird bereits im elften Jahr gemeinsam von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) und dem Verband Deutscher Mühlen (VDM) ausrichtet.
Die Getreidefachtagung in Weihenstephan ist zu einer festen Größe für die Mitglieder der Wertschöpfungskette Getreide in Bayern und den umliegenden Regionen geworden. Die Tagung ist in dieser Form einzigartig und zeigte auch in diesem Jahr wieder ihre Vorzüge: einen topaktuellen Ausblick auf neue Ernte und neue Sorten bei Getreide, gepaart mit branchenübergreifenden Gesprächen auf hohem fachlichen Niveau gibt es nur in Weihenstephan.
Nach der Begrüßung durch Stefan Blum, Vorsitzender des Verbandes Bayerischer Handelsmühlen, gab Dr. Doleschel, Leiter des Instituts für Pflanzenbau an der LfL einen kurzen Überblick zu den aktuellen Projekten seines Institutes. So beschäftigen Fragen des Klimawandels und dessen Auswirkungen auf Nutzpflanzen die LfL, hierfür wurde eine Anlage zur Klimasimulation errichtet, in der z. B. Auswirkungen von Trockenstress und Wassermangel bei Getreidepflanzen wissenschaftlich beobachtet werden können. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Sortimentsabstufung im Hinblick auf regionale Bodenklimaräume. Dadurch soll das Sortenprüfwesen und letztlich auch die Entwicklung neuer Sorten genauer auf bestimmte regionale Besonderheiten abgestimmt werden (z. B. auf das fränkische Hochland oder den Gäuboden). Auch eine Bildung von Bodenklimaräumen über die Grenzen von Bundesländern hinweg soll möglich sein. Einen dritten Arbeitsschwerpunkt am Institut für Pflanzenschutz bildet die Beschäftigung mit den hochaktuellen Themen Gentechnik und Biopatente, hier wurde eine umfassende Stellungnahme als Beitrag zur Diskussion in Öffentlichkeit, Wissenschaft und Politik erarbeitet. Abschließend berichtete Dr. Doleschel über die Auswirkungen des extrem heftigen Hagelschlages, der am 26. Mai in der südlichen Hallertau niederging und zur Vernichtung großer Teile der Hopfenernte geführt hat.
Einen intensiven und fachkundigen Einblick in die Sortenentwicklung der wichtigsten Brotgetreide boten die folgenden Vorträge. Den Anfang machte Frau Ulrike Nickl vom Institut für Pflanzenschutz der LfL mit Ihrem Beitrag „Neue Sorten bei Roggen“:
Die Anbaufläche von Roggen hat seit 2005 in Bayern eine gewisse Renaissance erfahren: sie stieg von etwa 30.000 auf über 45.000 ha. Parallel hierzu stieg auch der Kornertrag wieder von 49 dt/ha auf ca. 55 dt/ha. Auch die Erntemenge hat in diesem Zeitraum von 150.000 auf 250.000 t zugenommen. Die Qualität der letzten Ernte war deutschlandweit von hohen Fallzahlen und sehr hohen Amylogrammwerten geprägt. Bei der Vorstellung der neuen Sorten zog Frau Nickl jeweils den Vergleich zu der Standard-Roggensorte Visello, die zusammen mit Askari zu den verbreitetsten Sorten gehört. Die neue Sorte Helltop ist zwar sehr standfest, sie lässt aber Probleme im Bereich Mutterkorn erkennen. Die Sorten Brassetto und Gonello zeigen insgesamt gute Eigenschaften, wurden aber bislang wenig vermehrt. Die "Pollen Plus" – Sorten Guttino und Palazzo verfügen über wenig Rohprotein, zeigten aber gute agronomische Eigenschaften z.B. bei Ertrag und Standfestigkeit. Frau Nickl gab im Folgenden einen umfassenden Überblick zu den Ergebnissen der Wertprüfung bei Backqualität und Mutterkornuntersuchungen, sowie zum relativen Kornertrag unterteilt nach bayerischen Anbauregionen. Der Vortrag schloss mit den Sortenempfehlungen des LfL bei Winterroggen 2008/2009, die im Folgenden dargestellt werden:
TABELLE in beigefügter Datei
Die aktuellen Daten aus dem Sortenvergleich können auch auf der Homepage des LfL (www.lfl.bayern.de/ipz/getreide) abgerufen werden.
Dr. Lorenz Hartl setzte die Sortendarstellung mit seinem Vortrag "Aktuelle Produktions-, Sorten- und Qualitätsfragen bei Weizen" fort:
Nach teilweise spektakulären Ertragssteigerungen bei Weizen bis Ende des letzten Jahrtausends ist die Steigerungskurve bei Weizen im Mittel stark abgeflacht, wobei hier von Jahr zu Jahr große Schwankungen zu beobachten sind. Sowohl bei A- als auch bei B- Weizen konnten allerdings in Bayern maßgebliche Zuchtfortschritte beim Ertrag erreicht werden. Während aber im Landessortenversuch Bayern die Ergebnisse beim Ertrag und den Qualitätsparametern Sedimentation und Rapid-Mix-Test seit 1980 leicht ansteigen stagniert der Rohproteingehalt. Dr. Hartl verglich im Folgenden die 2009 neu zugelassenen Winterweizensorten mit denen der Vorjahre. Z.B. konnte der Neuzugang im E-Segment Event überzeugen, während die Sorte Butaro E mit guten Gesundheitswerten und hohem Protein, aber schwachem Ertrag eher als Öko-Weizen Verwendung finden dürfte. Die Ergebnisse zum Aufkommen des Mykotoxins Deoxynivalenol beim bayerischen Winterweizen zeigten zufriedenstellende Werte. Der mehrjährigen "Provokationstest" mit Maisstoppeleinstreu zeigte ein differenziertes Widerstandsverhalten der unterschiedlichen Sorten. Im Anschluss an die Vorstellung neuer Sommerweizensorten stellte Dr. Hartl die folgenden Sortenempfehlungen für das Jahr 2009/2010 vor:
TABELLE in beigefügter Datei
Matthias Kick, Getreidereferent des Bayerischen Bauernverbandes, ergänzte diesen Ausblick durch aktuelle Einschätzungen zur Ernte 2009. Die Ernteerwartungen sind in Bayern bei allen Getreidesorten in etwa mit dem Vorjahr vergleichbar und damit recht gut: so wird eine Weizenernte im Bereich um 3,8 Mio. t erwartet, bei Roggen wiederum um die 200.000 t. Die Erzeugerpreis-Tendenz ist im Hinblick auf die neue Ernte noch uneinheitlich und bewegt sich seit Anfang des Jahres in einem Korridor zwischen 112 und ca. 130 €/t. Bundesweit betrachtet spiegeln sich diese Erwartungen in Bayern: so dürfte auch die deutsche Ernte bei Weizen leicht unter den Ergebnissen des letzten Jahres liegen, mit einer leichten Mengenreduktion bei Weizen/Roggen um die 5 %. EU-weit betrachtet wird der Ernterückgang gegenüber dem letzten Jahr als deutlich stärker eingeschätzt, neueste Schätzungen prognostizieren einen Abfall von 311 Mio. t im Vorjahr auf ca. 284 Mio. t in diesem Jahr bei Getreide (ca. - 8,5 %). Bei Weizen wird gegenüber dem Vorjahr (141 Mio. t) mit einer Erntemenge von 128 Mio. t gerechnet (ca. – 9 %). Dem entspricht ein Rückgang der Weltgetreideproduktion (ohne Reis) von 1,78 Mrd. t auf 1,739 Mrd. t (- 2,3 %) und der Weltweizenproduktion von 683 Mio. t auf 657 Mio. t (ca. – 3,7 %). Hinsichtlich der Weltgetreidebestände wird auch die voraussichtlich sehr gute Ernte nur marginal zur Aufstockung beitragen können. Zum dritten Mal in Folge übertrifft aber die Produktion den weltweiten Verbrauch.
Nach einer Mittagspause im Bräustüberl der Brauerei Weihenstephan, die weiter zum intensiven Kollegengespräch genutzt wurde, erläuterte Dr. Johann Lepschy “Vorkommen und Entstehung von T-2/HT-2 Toxin”.
T-2 und HT-2 treten grundsätzlich zusammen auf, bei HT-2 handelt es sich um einen Metaboliten des T-2-Toxins. Nachdem die Pilzstämme der Toxingruppe bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts auftraten und anfangs nicht als eigener Stamm erkannt wurden war der europäische Gesetzgeber zum ersten Mal in jüngerer Zeit aufgrund von Untersuchungen von Hafer in Skandinavien auf T-2/HT-2 aufmerksam geworden. Hafer bildet auch den Schwerpunkt des Vorkommens. T-2/HT-2 ist ca. 10-20 Mal toxischer als Deoxynivalenol, kommt aber auch in entsprechend geringeren Dosen vor. Obwohl bereits Untersuchungsmethoden für die Toxingruppe entwickelt wurden (u. a. HPLC-FLD und HPLC-MS/MS sowie gaschromatografische Methoden) laufen aktuell zahlreiche Projekte zur Verbesserung der Analyseleistung. Im Bereich der Schnelltests gibt es zwar eine Methode für T-2, diese zeigt aber starke Kreuzreaktionen mit dem Metaboliten. Aus diesem Grunde gibt es auch keine zuverlässigen Schnelltestmethoden für die Toxingruppe T-2/HT-2, der ELISA-Test produziert regelmäßig deutlich zu hohe Findungsraten. T-2/HT-2 waren bereits mehrfach Thema des Brüsseler Mykotoxinforums unter Schirmherrschaft der Europäischen Kommission, zuletzt im Januar 2009.
In der folgenden Diskussion wurde von Seiten des Verbandes Deutscher Mühlen darauf hingewiesen, dass die Einführung eines Grenzwertes für T-2/HT-2 bei Brotgetreide überflüssig ist, eine Ansicht, die Dr. Lepschy grundsätzlich bestätigte. Auch die vom VDM im Rahmen des Europäischen Getreidemonitoring-Programms ermittelten Werte für T-2/HT-2 bei Brotgetreide bestätigten die niedrige bis nicht bestehende Belastung von Brotgetreide. Ein pauschaler Grenzwert würde die praktisch unbelasteten Brotgetreidesorten einer unnötigen Untersuchungspflicht unterwerfen. Rein praktisch besteht zudem das Problem, dass die Pilzstämme, welche T-2 und HT-2 erzeugen, auf dem Feld bzw. bei der Bonitur nicht erkannt werden können, ebenso fehlen Anbauempfehlungen zur Vermeidung von T-2/HT-2. Bei dem letzten Mykotoxinforum in Brüssel hat der VDM gemeinsam mit anderen Vertretern der Getreidekette die Europäische Kommission auf diese Zusammenhänge hingewiesen - zu Recht zögert diese daher bei der Einführung eines Grenzwertes, bis ausreichende wissenschaftliche Erkenntnisse gesammelt wurden.
Abschließend gab Dr. Hartl mit seinem Vortrag "Proteingehalt und Backqualität" Anstoß zu regen Diskussionen zur Frage, ob das Züchtungsziel hoher Proteingehalt bei Weizen überdacht werden sollte. Rohprotein lässt sich in der Praxis sehr einfach und schnell bestimmen und ist daher weiter das entscheidende Qualitätskriterium bei der Getreideauswahl der Mühlen. Dabei ist die Kleberqualität einer Weizensorte gerade im Hinblick auf das Backvolumen unter Umständen deutlich aussagefähiger. So erzielten z. B. die A-Sorten Türkis (12 % Protein) und Schamane (11,5 % Protein) im Backversuch dasselbe Volumen wie die Sorte Tommi (13 % Protein). Allerdings lässt sich die Kleberqualität nicht per Schnelltest bestimmen. Die Alternative wäre eine deutlich stärkere Orientierung des Getreidehandels in Richtung Sortenreinheit. Aber nur wenn die gesamte Getreidekette hier zusammenwirkt kann dies auch im großen Maßstab funktionieren - das zeigte auch die sich dem Vortrag von Dr. Hartl anschließende, angeregte Diskussion.
Auch in diesem Jahr ist es mit der Weihenstephaner Getreidefachtagung gelungen, Experten der verschiedensten Bereiche von Praxis und Wissenschaft zusammenzuführen und im Vorfeld der Ernte einen Wissens-Mehrwert zu generieren, von dem alle profitieren. Gerade der sprichwörtliche “Blick über den Tellerrand” ist und bleibt das prägende Element der Getreidefachtagung und macht die Veranstaltung einzigartig. Der Bayerischen Landesanstalt ist zu danken, dass Sie dieses Forum für die Diskussion mit der Praxis zusammen mit dem Verband Deutscher Mühlen als Partner seit Jahren ermöglicht. Umso mehr ist zu wünschen, dass im nächsten Jahr noch mehr Teilnehmer aus Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel zur Getreidefachtagung nach Weihenstephan kommen. (mk)
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